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Gabriele Fricke
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31515 Wunstorf
Tel (05031) 90 92 79
Fax (05031) 90 92 59
E-Mail: g_fricke@t-online.de

 

   

Italienische Arbeiter in der Zeit des Kaiserreiches

Uelzen, meine Heimat - weit entfernt von italienischen Einwanderermassen wie sie das Deutsche Reich um die Jahrhundertwende im Süd-Westen erlebte. Auf deutschen Großbaustellen von Talsperren, Kanälen, Industrieanlagen u.ä. war Italienisch neben den unterschiedlichsten deutschen Dialekten die meist gesprochene Sprache.
Die Italiener stehen heute hinter den Türken und Jugoslawen erst an dritter Stelle der in Deutschland lebenden Ausländer. Traditionell stellten sie vor 100 Jahren die meisten Arbeitskräfte, die die deutsche Wirtschaft bei ihrem Aufbau maßgeblich unterstützte. Noch 1970 waren sie mit 21% die stärkste Gruppe ausländischer Arbeitnehmer.


Die italienische Einwanderung nach Deutschland

Kurz nach dem deutsch-französischen Krieg, der 1871 endete, gab es nur sehr wenige Italiener in Deutschland. Auch der Aufschwung der Industrie in den achtziger und neunziger Jahren hatte nur eine geringe Zunahme von ausländischen Arbeitnehmern zur Folge.
Doch die italienische Arbeitswanderung nach Deutschland begann erst mit Ende der neunziger Jahre. Der Zuzug von italienischen Arbeitskräften setzte in einigen Regionen plötzlich und mit aller Macht ein und stellte die Städte vor neue Situationen. Andere Regionen, wie der Raum Uelzen, blieben eher unberührt.

Die erste verstärkte Zunahme von italienischen Arbeitern fand sich in den süddeutschen Bundesstaaten, Elsaß-Lothringen, Baden, Bayern und Würtemberg. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verstärkte sich die Zuwanderung massiv in die Industrieregionen Rheinland und Westfalen. Die Tabelle 2 zeigt die Verteilung italienischer Staatsangehöriger auf die einzelnen Staaten Deutschlands 1905.

Staaten und Landesteile

Anwesende italienische Arbeiter
Provinz Ostpreußen

85

Provinz Westpreußen

80

Stadt Berlin

2.214

Provinz Brandenburg

2.117

Provinz Pommern

311

Provinz Posen

88

Provinz Schlesien

1.527

Provinz Sachsen

879

Provinz Schleswig-Holstein

829

Provinz Hannover
(viertgrößter Bundesstaat)

1.035

Provinz Westfalen

9.522

Provinz Hessen Nassau

2.962

Provinz Rheinland

19.237

Hohenzollern

63

  Gesamt Königreich Preußen

59.870

  Gesamt Königreich Bayern

8.861

Sachsen

2.931

Würtemberg

7.930

Gesamt

60.533

Tabelle 1: Volkszählung am 1. Dez. 1905. Verteilung Italienischer Staatsangehöriger unter den Reichsausländern1

 
  Gesamt Ausländeranzahl Italiener Anteil der Italiener
in %
1871

206.755

4.019 1,94
1880

276.057

7.115 2,58
1885

372.792

9.430 2,53
1890

433.254

15.570 3,59
1895

486.190

22.693 4,67
1900

778.737

6.978 0,90
1905

1.028.560

9.865 0,96
1910

1.259.873

104.204 8,27
Zunahme in %

509,30

2.492,8  

Tabelle 2: Ausländer im Deutschen Reich, 1871-19102

Industrielle Arbeitgeber zogen Italiener heran, vor allem wenn diese Arbeiten übernahmen, die den deutschen Arbeitern zu schmutzig, gefährlich oder eintönig waren. Sie gingen davon aus, dass die ausländischen Arbeiter eher bereit sind, schwere körperliche Arbeit zu übernehmen. Nach dem Ende der Bauzeit oder einer Saison konnten die ausländischen Arbeiter ohne weitere sozialpolitische Komplikationen entlassen werden, und erst mit Beginn des nächsten Projekts mussten die Baufirmen wieder Arbeitskräfte einstellen.
Die Aufenthaltsdauer lässt sich mit Zugvögeln vergleichen, die im Frühjahr kommen und im Herbst wieder ziehen. In den Heimatgebieten der Wanderarbeiter bewirtschafteten die Familien in der Regel eine Kleinbauerstelle und hatten damit nur geringe Lebenshaltungskosten. Zogen dann die männlichen Familienmitglieder (Jungen häufig schon ab dem 14. Lebensjahr) für eine Arbeitssaison nach Deutschland, konnten sie genug sparen, um den Winter ohne finanzielle Nöte zu überstehen. Einige Arbeiter schafften es, mit dem Gesparten neue Häuser und Ackerland in der Heimat zu erwerben.

Italienische Arbeiter auf einer Baustelle 1903

Quellen für die Forschung

Als Quellen dienen die An- und Abmeldebücher im Stadtarchiv Uelzen, die alle zuziehenden Personen erfassten. Doch die starke Mobilität der Italiener lässt vermuten, dass sich nicht nur ordnungsgemäß gemeldete Arbeiter in Stadt und Kreis aufhielten, sondern kurzzeitig auch einige Personen mehr auf Baustellen arbeiteten oder gemeldete Personen schon wieder abgezogen waren.
Weiterhin liegen im Stadtarchiv die „Nachweisungen über den Zugang, Abgang und Bestand der ausländischen Arbeiter im preußischen Staate“ 7. Am Jahresende wurden die noch vorhandenen Meldungen zusammengefasst und unter ‘Bestand’ geführt. Eine Fehlerquelle könnte hier möglich sein, den Arbeiter hatten sich bei Abreise in die Heimat oder in einen anderen Ort nicht abgemeldet, wenn sie beabsichtigten, im nächsten Jahr wiederzukommen. Somit könnte der Bestand zu hoch angegeben sein. Bequemlichkeit und das Sparen einer Gebühr mögen Gründe hierfür gewesen sein. Die Rubrik ‘Zugang’ stellt auch eine unzuverlässige Quelle dar, sie gibt nicht das Jahresmaximum der anwesenden Italiener wieder, denn die Arbeiter wechselten oft mehrfach während des Jahres die Landkreise und somit sind manche gar nicht oder auch doppelt erfasst.
Im Anmelderegister sind die persönlichen Daten des zuwandernden Arbeiters in einigen Jahren gut, in anderen unvollständig registriert, so dass manchmal, außer dem Jahr der Ankunft nur der Name vermerkt ist. Bei vollständigen Angaben erhalten wir Klarheit über Name, Herkunftsgebiet, Familienstand, letzten Wohnort, Wohnung und manchmal auch Arbeitgeber. Alle mit Geburtsort verzeichneten Wanderarbeiter konnten der nordöstlichen Alpenregion Italiens zugeordnet werden, es handelt sich dabei vorwiegend um die Region um Udine.

Quellen und Anmerkungen

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